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Dienstag, 4. September 2012

Wie kann man die Weihnachtstagung 1923/24 erlösen? Teil1





Immer wieder wurde von Dornach aus die Meinung vertreten: Die Weihnachtstagung war der Höhepunkt der Anthroposophie. Das vermittelt kein komplett-wahres Bild über die damalige Lage, in der Rudolf Steiner sich tatsächlich befand. Die Weihnachtstagung war keine Erfüllung für Rudolf Steiner. Sie war eine Notlösung. Rudolf Steiner war äusserst belastet von den sozialen Zerwürfnissen innerhalb der Gesellschaft. Nach langer Überlegung traf er diese Entscheidung.


Vor allem die Tatsache, dass er selber das Amt des Vorsitzenden in der Gesellschaft übernahm, war ein beispielloses Wagnis. Ein geistiger Lehrer, der die spirituelle Kompetenz vertritt und zugleich das weltliche Führungsamt übernimmt, bedeutet ein absolutes Tabu. Niemand kannte so gut diese Regel als Steiner selber. Niemand nahm diese Regel so ernst wie Steiner. 


Wieso hat er dennoch diese Regel durch die Neubegründung gebrochen? Weil er eben damals keine andere Lösung fand. Entweder musste er sich mit einer ganz kleinen Menschengruppe zurückziehen, oder er musste selber den Vorsitz der Gesellschaft übernehmen, auch wenn es mit einer gefährlichen spirituellen Ungewissheit verbunden war. Er sagte, wenn ein Eingeweihter so etwas tut, und die Sache misslingt, dann muss er es mit dem Tod bezahlen. Steiner wollte nicht durch sein Zurückziehen die Menschen verlassen, die sich mit der Anthroposophie verbunden fühlten. Er wollte immer möglichst öffentlich sprechen, so dass das Spirituelle für möglichst viele Menschen zugänglich wird. Ausserdem konnte er sich damals noch nicht zurückziehen - aus einem anderen Grund -, weil er damals von der modernen Karmaerkenntnis - seinem eigentlichen Auftrag - noch nicht eingehend gesprochen hatte. Die Karmaerkenntnisse mussten den Menschen noch gegeben werden. Dafür ist er zur Erde gekommen. Aber für das Sprechen der Karmaerkenntnisse musste er einen bestimmten Zustand in der Gesellschaft herstellen, in dem er darüber sprechen konnte. Es war vor der Weihnachtstagung noch nicht möglich. Er wusste, dass er ein Gefäss braucht, welches diese Karmaerkenntnisse aufnehmen will und kann. Die Bildung des Gefässes konnte nach damaligen Verhältnissen für ihn nur durch seine Übernahme des Vorsitzes erreicht werden. Das war eine höchst gefährliche Angelegenheit. Steiner hat bewusst  - wohlbewusst - die spirituelle Regel gebrochen. Die geistige Welt hat dabei geschwiegen. Sie liess ihn frei. Er handelte ganz aus sich heraus. Als ein freier Mensch handelt er so. 


Während der Weihnachtstagung konnte er die Vorträge halten, in denen die früheren Inkarnationen von Steiner und Wegman ausführlich beschrieben wurden - natürlich ohne zu sagen, wer diese Individualitäten jetzt sind -. Eugen Kolisko und Walter Johannes Stein - beide junge Österreicher haben bemerkt, dass es bei den Indivdualitäten sich um Steiner und Wegman handelt. Sie kamen mutig an Wegman mit dieser karmischen Erkenntnis heran. Wegman trug statt ihnen die Frage der beiden an Steiner weiter. Die Frage lautete: Haben wir richtig erkannt: Es geht um Sie und Fr. Dr. Wegman? Steiner bestätigte es ihnen wieder über Wegman. 


Nach der Weihnachtstagung konnte Steiner anfangen, eingehend über die karmischen Zusammenhänge zu sprechen. Die wichtigen und zukünftigen Forschungsansätze strömten zu den Menschen weiter. Aber dann bereits einige Monate nach dem Beginn der Karmavorträge erkrankte Steiner, so dass er die Vorträge nicht mehr fortsetzen konnte. Zuletzt starb er ein paar Monate später. Nun gab die geistige Welt doch die Antwort: Es geht nicht so weiter. Man kann sagen: die Gegenkräfte waren stark. Das stimmt auch. Aber die Form, die Steiner der Gesellschaft gegeben hat, stimmte auch nicht für eine längere Zeit. Die Form der Neugründung hat ihm geholfen, um trotz der schwierigen Lage der Gesellschaft die Karmavorträge inkarnieren zu lassen. Die Karmavorträge wurden der Welt gegeben, die vor sienem Tod noch unbedingt herunter fliessen mussten. Aber dann wurde er plötzlich von der geistigen Welt zurückgerufen. Die neue Form der Gesellschaft, die damals geschaffen wurde, dass der geistig-spirituell kompetente Mensch den weltlichen Posten als Vorstand einer irdischen Gesellschaft inne hat, kann nicht weiter als das richtige Gefäss bestehen bleiben. Das führte ihn zu seinem Tod. Man kann den Tod auf unterschiedliche Art deuten. Alle Deutungen haben eine gewisse Berechtigung. Aber was ich hier nenne, ist ein wichtiger Hintergrund des Todes von Steiner. Er musste sterben, weil es nur teilweise und nicht komplett gelang. Aber es gab keinen besseren Ausweg für ihn. So wie er selber sagte, man muss es mit dem Tod bezahlen, wenn es nicht gelingt. 


Wer die obige Beschreibung in Ruhe durchliest, weiss, dass ich sie geschrieben habe, nicht um Steiner etwas vorzuwerfen. Ich schreibe sie, um zu zeigen, wie sehr er gelitten hat. Wie sehr er als ein Mensch, der zugleich ein Eingeweihter war, aber der auf der Erde wirken musste, und die Erdenverhältnisse mitberücksichtigen musste, gelitten hat. Ich möchte darstellen, aus welcher Not und aus welchem Leid heraus er diese Notlösung, selber den Vorsitz der irdischen Gesellschaft zu übernehmen, ergriffen hat. Die Gründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24 in der Weihnachtstagung war keine Erfüllung, sondern eine schwere Notlösung. Die Form, die dabei geschaffen wurde, war auch eine Notangelegenheit. Und an dieser notgedrungenen Kompromiss-Form, die für Steiner keinerlei Ideal war, hält man bis heute in Dornach fest.  


Teil 2 folgt

Junko Althaus


Leiden Rudolf Steiners und die Parzivalfrage


















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